Montag, 11. August 2008

Wie die ARD die russische Invasion freundlich begleitet

Es ist nicht klar, was da los ist in der ARD-zentrale in Hamburg - aber die tagesschau-Ausgabe vom 9.8., 20h, stellt ein unübertroffenes Beispiel journalistischer Manipulation dar. Nach bester alter linker Manier werden Begriffe verwirrt, Aspekte ausgeblendet und Fakten verdreht, bis in Sachen Georgien das Weltbild steht.
Konkret:

1. Der Ansager sagt: "In der abtrünnigen Provinz leben überwiegend Russen."
Klar - nachdem Putins Chargen tausendfach russische Pässe an diese Georgier ausgegeben haben, um das international nicht anerkannte Separatistenregime zu stützen.

2. Angesichts des völkerrechtswdrigen Einmarsches russischer Kampfverbände in Südossteien textet die "tagesschau" eiskalt:
"Die südossetische Hauptstadt Zinvali ist wieder unter russischer Kontrolle."
Das Wörtchen "wieder" ist ein unglaublicher Vorgang - denn diese Region Georgiens war nie russisch und soll es doch wohl auch nicht werden, liebe ARD - oder?

3. Tibet Sinha verteigt sich in seinem "Hintergrundstück" dazu, Saakaschwili "Provokation" Putins mit der "Kaukasusfrage" vorzuwerfen. Er spricht das Referendum von 2006 an und eine "überwältigende Mehrheit der Südossten", die sich für Unabhängigkeit von Georgien ausgesprochen habe - dass die dort lebenden Georgier daran gehindert wurden, an dem "Refrendum" teilzunehmen, und daß es international als ungültig gewertet wurde - all dies erfährt der "tagesschau"-Zuschauer nicht.
Kein Wort zur einzigen nicht-russischen Gaspipeline, die Putins Oligarchen ein Dorn im Auge ist, , dazu, daß Georgien auf der Seite des Westens steht oder daß die "internationale Friedenstruppe" fast nur aus parteiischen russischen Verbänden besteht.

Da sind sie wieder, unsere altgedienten Manipulatoren im Dienste Moskaus. Schon irre.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich bin Amerikaner (Ohio). Anscheinlich haben wir beide "vorurteilslos" Journalismus. Unglaubliche!

Heinrich hat gesagt…

Hallo liebe Hingucker,

also, ich lese euren Blog sonst sehr gerne, aber hier habt ihr euch mal ordentlich vergriffen.

Völkerrechtlich gesehen hat Russland ganz gute Karten (siehe etwa das Interview mit Daniel-Erasmus Khan im Spiegel (sorry, aber das Interview ist trotzdem gut): ref>http://www.spiegel.de/politik/ausland/
0,1518,571853,00.html)

Zudem ist Südossetien seit mehr als 16 Jahren de facto unabhängig, während Saakaschwili die Waffenruhe bewusst in der Nacht vor der Eröffnung der Olympischen Spiele brach (und damit auch den Olympischen Frieden!), in der Hoffnung, seine Eroberung Südossetiens würde nur auf verhaltenen internationalen Widerstand stoßen. Die Nichtanerkennung des südossetischen Referendums (auch von Russland!) hängt mit der Rechtslage VOR der Entwicklung der (westlich geförderten) Unabhängigkeitserklärung dieses serbischen Gebietes zusammen. Hier empfiehlt sich das Einarbeiten in die Grundlagen des Internationalen Friedens- und Völkerrechts, dann wird dies verständlicher. Russland drängt daher auch nicht auf eine Unabhängigkeit Südossetiens bzw. will diese nicht mit Waffengewalt herbeiführen - sehr viele russische Teilrepubliken könnten folgen, allen voran Nordossetien.


Darüberhinaus ist Russland im Rahmen eines von allen Seiten (R, G, SO) geschlossenen Vertrages berechtigt, Gewalthandlungen einer Seite mit allen Mitteln zur Wiederherstellung des vorherigen Zustandes (ja, das nutzen sie jetzt natürlich auch für andere Dinge) zu beantworten. Einen völkerrechtswidrigen Krieg könnt ihr daher zwar gerne diagnostizieren, der Konflikt im Kaukasus wird jedoch deshalb noch lange nicht dazu.

Ich denke, ihr trefft häufig den Nagel auf den Kopf mit euren Analysen, aber ein von Washington (und Israel, Ägypten, den Baltischen Staaten, Rumänien und der Ukraine; schaut euch die von Georgien erhaltenen Militärhilfen an) kampflustig gerüstetes Georgien, das schwere Gewaltverbrechen an der südossetischen Zivilbevölkerung zu verantworten hat (ratet mal, wer die überragende Mehrheit der Toten stellt) noch zu verteidigen, ist wirklich zu blauäugig. Hier solltet ihr euch in die Zusammenhänge im Kaukasus besser einarbeiten - ähnlich wie ihr das ja sehr gut für Deutschland bereits gemacht habt und hoffentlich noch weiter macht.

Schließlich wäre noch anzufügen, das der russophobe Tenor ("Russlands Krieg gegen Georgien", "Russische Bomben" etc pp) gemeinsam mit ausführlicher Berichterstattung über die arme georgische Bevölkerung (denkt nur an die vielen Fotos georgischer Flüchtlinge), die nach dem georgischen Angriffskrieg nun selber vertrieben wird, in den Medien wesentlich stärker war als die Darstellung der Seite Moskaus und Zchinwalis.

Die Medien in Deutschland haben ziemlich schnell auf die Seite ihrer amerikanischen Schwester- und Brüdersender eingeschwenkt, deren Unkenntnis in internationalen Fragen häufig seines gleichen sucht (die deutschen sind aber auch ganz vorne mit dabei ;).

Sorry, aber wenn ich euch sonst nicht so gut finden würde, hätte ich diese Zeilen wahrscheinlich gar nicht geschrieben.

Beste Grüße
Heinrich